Gastbeitrag: Was haben Bogenschießen und Achtsamkeit miteinander zu tun?
Die kurze Antwort lautet: Alles!
Aber schauen wir uns zuerst einmal das Bogenschießen an. Das ist eine Tätigkeit, die von außen relativ einfach ausschaut, nicht wahr? Man zieht an der Sehne, lässt wieder los und der Pfeil beginnt seine Reise. Sogar Dreijährige sind bereits in der Lage, die dafür notwendigen Bewegungen auszuführen.
Nun – jeder, der Bogenschießen ausprobiert, stellt rasch fest: Was einfach aussieht, ist gar nicht leicht. Mit der Schießtechnik, die wir als Kinder mit Haselnussstecken spielerisch ausprobiert haben, kommen wir als Erwachsene mit einem richtigen Bogen nicht weit. Also erlernen wir zunächst mal eine passende Körperhaltung, ein paar Handgriffe und Bewegungsabläufe. Wir stellen erstaunt fest, dass wir dafür Muskeln brauchen, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie haben, und die Koordination derselben gar nicht so leicht fällt. Hier beginnt auch schon die Achtsamkeit auf körperlicher Ebene. Wir beginnen, uns ganz neu zu spüren. Und das geht über das bloße Erlernen der Grundtechnik hinaus!
Bogenschießen ist ein sogenannter “Fühlsport”. Dies wird uns im Laufe der Zeit immer bewusster. Haben wir die ersten grobmotorischen Schwierigkeiten überwunden, finden wir zunehmend heraus, dass es oft Kleinigkeiten sind, die den Unterschied zwischen einem perfekten Schuss und einem Fehlschuss ausmachen. Eine kleine Veränderung in der Kopfhaltung, ein etwas anderer Griff in den Bogen, eine unpassende Verlagerung des Schwerpunkts, etwas zu viel oder zu wenig Kraft beim Ziehen der Sehne und Drücken des Bogens – es gibt unendlich viele Kleinigkeiten, die miteinander in Einklang kommen müssen, bevor der Pfeil dort landet, wo er soll.
Wer gut Bogenschießen möchte, sollte sich währenddessen in seiner Ganzheit spüren. Dieses Spüren fällt uns aber schwerer, als man denken mag. Ironischerweise nicht nur am Anfang, denn: Der Bewegungsablauf beim Bogenschießen automatisiert sich recht rasch. Wir müssen nicht mehr darüber nachdenken. Das ist einerseits praktisch, führt andererseits aber dazu, dass auch unsere Aufmerksamkeit von unserer Körperwahrnehmung wegwandert. Die Folge sind Fehler, die sich in den Bewegungsablauf einschleichen und unbemerkt bleiben. Am Ende stehen wir dann da und wissen nicht, warum wir daneben geschossen haben. Viele fortgeschrittene Bogenschützinnen und Bogenschützen haben nicht das Problem, dass ihre Technik per se schlecht wäre, sondern dass sie Schwierigkeiten damit haben, mit ihrer Aufmerksamkeit bei sich zu bleiben. Bogenschießen als Achtsamkeitstraining zu betrachten und entsprechend auszuführen, ist hier also von Vorteil.
Die Sache geht aber noch weiter, über die auf den Körper gerichtete Achtsamkeit hinaus. Wer Bogenschießen geht, ist natürlich auch mit Erfolgen und Misserfolgen und den damit einhergehenden Gedanken und Gefühlen konfrontiert. Auch hat er bestimmte Erwartungen oder Hoffnungen. Zugleich sieht er sich mit bestimmten Eindrücken aus dem Außen konfrontiert: vielleicht anderen, (zu) lauten Bogenmenschen, ungeliebten Wetterphänomenen, Kommentaren, Zuschauern – was auch immer. Und selbstverständlich findet er sich auch hier wieder in seinem persönlichen Kreislauf aus Wertungen und Urteilen wieder. All dies beeinflusst letztlich seine Fähigkeit, mit seiner Aufmerksamkeit während des Schießens tatsächlich bei sich und im Augenblick zu bleiben.
Wer Bogenschießen mit den Prinzipien der Achtsamkeit verbindet, kann diesbezüglich viel über die in seinem Inneren ablaufenden, entsprechenden Vorgänge und Zusammenhänge lernen. Aber – und das ist das Wunderbare daran – er kann sich jederzeit darauf besinnen, Bogenschießen einfach wieder als Achtsamkeitsübung auszuführen. Als Bewegungsmeditation, wenn man es lieber so benennen möchte. Und gelingt es ihm, dann wird er “den schönen Schuss” erleben. Dieses Gefühl der unabgelenkten Wahrnehmung, während der Schuss mit derselben selbstverständlichen Leichtigkeit gerät, wie ein befreiter Atemzug.
Achtsamkeit und Bogenschießen – achtsamkeitsbasiertes Bogenschießen – sind also nichts anderes als die Verbindung des Bogenschießens mit den Prinzipien der Achtsamkeit. Diese enge Verknüpfung zwischen innerem Zustand und der Art und Weise, wie der Bewegungsablauf beim Bogenschießen gerät, ist im Übrigen auch der Grund, warum Pfeil und Bogen zunehmend im therapeutischen Kontext benutzt werden. Die Art und Weise wie jemand mit Pfeil und Bogen hantiert, bietet Beobachtungsmöglichkeiten und Anknüpfungspunkte, weiter können Zusammenhänge direkt erlebbar gemacht werden. Zugleich haben der repetitive Charakter des Bogenschießens und der Wechsel zwischen körperlicher An- und Entspannung einen meditativen und entspannenden Effekt.
Gut – und zu guter Letzt macht Bogenschießen eben einfach auch Freude!
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Alle ins Gold!

