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Warum Berührung gesund macht: Was Umarmungen mit Körper und Seele machen

Wir berühren ständig Bildschirme. Aber immer seltener einander.

Wir kommunizieren über Messenger, reagieren mit Herzen, schicken Umarmungs-Emojis und verbringen Stunden in digitalen Räumen. Und doch fehlt vielen Menschen etwas, das kein Display ersetzen kann: die unmittelbare Erfahrung eines anderen Menschen. Eine Hand auf der Schulter. Eine Umarmung. Eine Berührung, die nichts fordert und trotzdem sagt: Ich bin da.

Berührung ist kein sentimentaler Luxus. Sie gehört zu den grundlegendsten Formen menschlicher Kommunikation. Lange bevor wir sprechen können, verstehen wir sie. Ein Säugling kennt keine Worte für Geborgenheit – aber er kennt Wärme, Haut, Druck und Nähe.

Und auch Jahrzehnte später reagiert unser Organismus darauf.

Die Forschung zu Berührungen und Gesundheit zeigt inzwischen erstaunlich deutlich: Angenehme und erwünschte körperliche Berührung kann Stress reduzieren, Schmerzen lindern und unser psychisches Wohlbefinden unterstützen. Eine große Metaanalyse aus dem Jahr 2024 fand positive Effekte von Berührungsinterventionen auf körperliche wie psychische Gesundheit.

Vielleicht sollten wir Gesundheit deshalb nicht nur über Ernährung, Bewegung und Schlaf definieren.

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Vielleicht gehört auch Nähe dazu.

Berührung ist eine Sprache des Nervensystems

Unsere Haut ist nicht einfach eine Verpackung für den Körper. Sie ist unser größtes Sinnesorgan und mit unzähligen Rezeptoren ausgestattet, die Druck, Temperatur, Schmerz und unterschiedliche Formen von Berührung wahrnehmen.

Besonders interessant sind sogenannte C-taktile Nervenfasern. Sie reagieren bevorzugt auf langsame, sanfte Berührungen und stehen mit Gehirnregionen in Verbindung, die an Emotionen und sozialer Wahrnehmung beteiligt sind.

Eine liebevolle Berührung wird deshalb nicht bloß registriert. Sie wird emotional interpretiert. Unser Gehirn fragt gewissermaßen:

Was bedeutet diese Berührung für mich?

Sicherheit? Nähe? Vertrauen? Oder Gefahr?

Und genau deshalb ist Berührung niemals nur mechanisch. Dieselbe Hand auf der Schulter kann sich bei einem geliebten Menschen wunderbar anfühlen – und bei einer fremden Person unangenehm oder übergriffig. Der Kontext entscheidet.

Was passiert bei einer Umarmung im Körper?

Eine Umarmung sieht von außen unspektakulär aus. Zwei Menschen legen ihre Arme umeinander. Doch im Körper kann dabei ein komplexes Zusammenspiel aus Nervensystem, Hormonen, Wahrnehmung und Emotionen beginnen.

Angenehme soziale Berührung wird unter anderem mit Veränderungen der Stressreaktion und mit Oxytocin in Verbindung gebracht. Gleichzeitig können Herzschlag, Atmung und Muskelspannung beeinflusst werden.

Eine Umarmung kann dem Nervensystem vermitteln: Hier droht gerade keine Gefahr. Und manchmal ist genau diese Botschaft wichtiger als jedes gesprochene „Mach dir keine Sorgen“.

Oxytocin – viel mehr als das „Kuschelhormon“

Kaum ein Hormon wird so romantisiert wie Oxytocin. Es wird häufig als Kuschel-, Liebes- oder Bindungshormon bezeichnet. Tatsächlich spielt Oxytocin eine wichtige Rolle bei sozialen Beziehungen, Geburt und Stillen und ist an komplexen Prozessen sozialer Wahrnehmung und Bindung beteiligt. Körperkontakt kann Teil jener Situationen sein, in denen das Oxytocin-System aktiviert wird.

Doch die populäre Gleichung – Umarmung = Oxytocin = Glück – ist zu einfach. Oxytocin wirkt abhängig von Situation, Beziehung und individuellen Faktoren. Menschliche Bindung lässt sich nicht auf einen einzigen Botenstoff reduzieren.

Trotzdem steht Oxytocin exemplarisch für eine faszinierende Erkenntnis: Zwischenmenschliche Nähe hinterlässt messbare Spuren im Körper. Was wir emotional erleben, ist gleichzeitig Biologie.

Berührung kann Stress reduzieren

Besonders interessant ist die Verbindung zwischen Berührung und unserem Stresssystem. Unter Belastung schüttet der Körper unter anderem Cortisol aus. Kurzfristig ist das sinnvoll. Chronisch erhöhte Stressbelastung kann dagegen zahlreiche gesundheitliche Prozesse negativ beeinflussen.

Eine experimentelle Studie mit 159 Personen untersuchte, wie Umarmungen und beruhigende Selbstberührung auf eine anschließende psychosoziale Stresssituation wirkten. Sowohl eine Umarmung als auch Selbstberührung waren mit einer geringeren Cortisolreaktion nach dem Stressor verbunden.

Auch die große Metaanalyse von Packheiser und Kolleg*innen aus dem Jahr 2024 kommt zu dem Ergebnis, dass Berührungsinterventionen insgesamt positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben können. Bei Erwachsenen zeigten sich unter anderem Effekte auf Schmerzen, Angst und depressive Symptome.

Das bedeutet nicht, dass eine Umarmung eine Therapie ersetzt. Aber sie zeigt etwas Grundsätzliches: Unser Körper reguliert Stress nicht ausschließlich allein. Menschen können einander regulieren.

Wie lange sollte eine Umarmung dauern?

Immer wieder begegnet man im Internet einer erstaunlich präzisen Behauptung: Eine Umarmung müsse zwanzig Sekunden dauern, damit Oxytocin ausgeschüttet werde. Dafür gibt es in dieser Absolutheit keine belastbare wissenschaftliche Grundlage.

Eine interessante Studie von Anna Dueren und Kolleg*innen verglich Umarmungen von einer, fünf und zehn Sekunden Dauer. Das Ergebnis: Umarmungen von fünf und zehn Sekunden wurden als angenehmer bewertet als nur eine Sekunde dauernde Umarmungen. Zwischen fünf und zehn Sekunden zeigte sich dagegen kein klarer Vorteil.

Eine wissenschaftlich festgelegte „optimale Umarmungsdauer“ gibt es also nicht. Vielleicht ist das auch gut so. Denn eine Umarmung ist keine medizinische Dosierung. Wenn du eine praktische Orientierung möchtest, kannst du eine Umarmung ruhig einige Sekunden länger halten, statt sie zu einer flüchtigen gesellschaftlichen Geste werden zu lassen. Fünf bis zehn Sekunden können sich bereits ganz anders anfühlen als das typische kurze Schulterklopfen.

Aber entscheidender als die Stoppuhr ist etwas anderes: Wollen beide Menschen diese Nähe?

Mehr Berührung könnte wichtiger sein als längere Berührung

Die Metaanalyse aus Nature Human Behaviour liefert dazu einen interessanten Hinweis. Bei Erwachsenen hing eine höhere Häufigkeit von Berührungsinterventionen mit größeren gesundheitlichen Vorteilen zusammen. Die Dauer einzelner Berührungseinheiten war dagegen nicht der entscheidende Faktor.

Vielleicht lautet die sinnvollere Frage deshalb nicht: Wie lange muss ich jemanden umarmen? Sondern: Wie viel liebevolle, respektvolle Berührung gibt es überhaupt noch in meinem Leben?

Können Umarmungen sogar das Immunsystem beeinflussen?

Hier wird es besonders spannend – aber auch wichtig, wissenschaftlich sauber zu bleiben. Berührung „stärkt das Immunsystem“ nicht einfach wie ein Medikament. Der Zusammenhang könnte indirekter verlaufen.

Chronischer Stress beeinflusst verschiedene Prozesse des Immunsystems. Wenn soziale Unterstützung und körperliche Nähe Stress puffern, könnten sie dadurch auch gesundheitliche Auswirkungen haben.

Eine viel zitierte Studie der Carnegie Mellon University untersuchte 404 gesunde Erwachsene. Die Forscherinnen erfassten über zwei Wochen unter anderem Konflikte, soziale Unterstützung und erhaltene Umarmungen. Anschließend wurden die Teilnehmerinnen einem Erkältungsvirus ausgesetzt und unter Quarantäne beobachtet.

Menschen mit stärker wahrgenommener sozialer Unterstützung waren gegenüber dem stressbedingten Anstieg des Infektionsrisikos besser geschützt. Häufigere Umarmungen erklärten einen Teil dieses Zusammenhangs. Unter jenen Personen, die sich infizierten, waren mehr Unterstützung und häufigere Umarmungen außerdem mit weniger schweren Krankheitssymptomen verbunden.

Das ist bemerkenswert. Aber es bedeutet nicht: Wer genug kuschelt, bekommt keine Erkältung. Es zeigt vielmehr, wie eng soziale Beziehungen, Stress und körperliche Gesundheit miteinander verflochten sein können.

Berührung und emotionale Gesundheit

Noch unmittelbarer erscheint die Wirkung auf unser psychisches Wohlbefinden. Die Metaanalyse von 2024 umfasste 137 Studien mit insgesamt 12.966 Menschen in der statistischen Auswertung sowie weitere Studien in der systematischen Übersicht. Bei Erwachsenen zeigten Berührungsinterventionen besonders relevante Effekte bei Schmerzen, Angst und depressiven Symptomen.

Berührung kann etwas vermitteln, das Sprache manchmal nicht schafft: Du bist nicht allein. Das gilt besonders in Momenten von Trauer, Angst oder Überforderung.

Manchmal gibt es nichts Sinnvolles mehr zu sagen. Dann kann eine Hand reichen.


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